GEORGE A. ROMERO INTERVIEW
Zum Deutschlandstart von SURVIVAL OF THE DEAD sprach Jörg Buttgereit mit dem Filmemacher George A. Romero.
Buttgereit:
Vor 42 Jahren haben sie mit NIGHT OF THE LIVING DEAD einen politischen Zombie-Film gedreht, der die Rassen- und Studentenunruhen während des Vietnamkriegs aufgegriffen hat. SURVIVAL OF THE DEAD ist ihr inzwischen sechster Film mit lebenden Toten. Welche Relevanz haben Zombie-Filme heute?
Romero:
Das hängt immer davon ab wie metaphorisch man mit einem Genre umgeht. Ich habe recht früh begriffen, das es einfacher ist meine politischen und sozialen Beobachtungen in Zombie-Filme zu verpacken. Wenn ich die gleichen Themen in seriösen Filmen behandeln wollen würde, hätte ich es ungleich schwerer. Ich habe immer noch Spaß an Zombie-Filmen. Denn die Untoten können für so ziemlich alles und jede Katastrophe stehen. In meinen Geschichten geht es ja vornehmlich um die noch lebenden Menschen. Die Popularität der Zombies in den letzten Jahren hängt sicher mehr mit Videospielen als mit Filmen zusammen. Die Leute kennen sich inzwischen mit den Regeln aus und lieben Zombies. Deshalb gehen sie auch in die Filme, die sich jetzt viel leichter finanzieren lassen.
Buttgereit:
Aber was bedeutet diese anhaltende Popularität der Zombies?
Romero:
Das würde ich auch gern wissen. Die Antwort ist wahrscheinlich weniger mysteriös als wir uns das vorstellen. Es hat bestimmt nichts mit unterschwelligen Todeswünschen oder dem Wunsch nach einem Leben nach den Tod zu tun. Ich bin da sehr pragmatisch. Wenn ein paar Filme oder Videospiele mit Zombies eine Menge Geld einspielen, wollen die Produzenten natürlich mehr davon. Es geht schließlich nur ums Geschäft. Irgendwann fangen die Leute an sich zu langweilen und die Zombies verschwinden wieder. Bis zur nächsten Welle. Zombies kehren in regelmäßigen Zyklen wieder.
Buttgereit:
Nun gibt es in ihren Filmen ja immer einen gesellschaftlichen Subtext. Wie würden sie den bei ihrem neuen Film umschreiben?
Romero:
Meine ersten vier Zombie-Filme habe ich mit einem Abstand von mehr oder weniger 10 Jahren gemacht. Nach dem vierten Film LAND OF THE DEAD wollte ich aber möglichst schnell etwas über die Veränderung der Medien und über sozialen Journalismus machen. Ich schrieb also ein Drehbuch das sich für wenig Geld realisieren ließ und konnte deshalb schon bald DIARY OF THE DEAD drehen. Dieser Film hat dann, grade weil er so günstig produziert wurde, viel Geld eingespielt. Daraufhin wollten die Produzenten gleich den nächsten Zombie-Film haben. Für mich ging das zwar etwas schnell, aber warum sollte ich mich über meinen Erfolg beschweren? Ich habe dann diese Idee einer 3teiligen Serie von Filmen gehabt, die mit DIARY beginnt und teilweise mit dort eingeführten Charakteren fortgeführt wird. Bei SURVIVAL OF THE DEAD habe ich viel mit humoristischen Einlagen gespielt und bin auf die verrückte Idee gekommen Western-Elemente in meinen Zombie-Film einzubauen. Der Subtext ist zeitloser als bei meinen anderen Filmen. Es geht um Krieg und um die Unfähigkeit der Menschen selbst in Krisensituationen ihren Hass nicht aufgeben zu können. Ich genieße die künstlerische Freiheit, die mir durch die niedrigen Produktionskosten gesichert ist. Mag sein, das ich dabei auch Fehler mache, aber SURVIVAL ist zumindest mein Film und ich hatte großen Spaß ihn zu machen.
Buttgereit:
Die Untoten in ihren Filmen haben unterschiedliche Wesenszüge. In SURVIVAL gibt es dieses Zombie-Mädchen, das endlos auf einem Pferd durch die Gegend reitet.
Romero:
Ich muss für jedem Film auf neue Ideen für meine Zombies kommen. Ich weiß auch nicht wo ich diese Ideen immer wieder her hole. Für einige wird das reitende Zombie-Girl vielleicht zu radikal sein. Manche werden es gar lächerlich finden. Aber ich hatte einfach diese Idee, mochte sie und habe sie kurzerhand umgesetzt. Jetzt muss ich auch mit gespaltenen Reaktionen meines Publikums klar kommen.
Buttgereit:
Ihre Filme DAWN OF THE DEAD (a.k.a. ZOMBIE, 1977) und DAY OF THE DEAD (a. k. a. ZOMBIE 2 – DAS LETZTE KAPITEL, 1985) sind in Deutschland immer noch auf dem Index. Haben sie eine Ahnung, warum ihre Filme hierzulande als so gefährlich eingestuft werden?
Romero:
Ich finde das unglaublich. Die Leute bemängeln meist die Menge des Blutes und der Gewalt in meinen Filmen. Aber ich erinnere mich gut das DAWN OF THE DEAD damals vom Constantin-Verleih vermarktet wurde und in den deutschen Kinos sehr gut lief. Ich bin mir aber nicht sicher ob der Film da schon gekürzt war.
Buttgereit:
Hier lief 1979 die von ihrem italienischen Regiekollegen Dario Argento bearbeitete Fassung des Films, die inhaltlich etwas gerafft war, aber bis auf die Köpfung eines Zombies durch das Rotorblatt eines Hubschraubers alle blutigen Szenen beinhaltet. Ich habe den Film damals als 16jähriger im Kino gesehen und war von der Direktheit der Gewalt überwältigt. Erst als der Film später auf Video veröffentlicht wurde, gab es Probleme mit der Bundesprüfstelle. Bei dem Nachfolgefilm DAY OF THE DEAD mussten für die deutsche Freigabe über Neunzig Schnitte gemacht werden.
Romero: Wow!
Buttgereit: Das ist alles was sie dazu sagen können?
Romero:
Nein, ich meine, ich weiß nicht was ich dazu sagen soll. Hören sie zu: Ich mache diese Filme ja nicht für Kinder. Als ich jung war habe ich allerdings auch die EC-Horror-Comics geliebt, die dann später auch zensiert und verboten wurden. Die Grausamkeit in Heftchen wie TALES FROM THE CRYPT hat mich nie traumatisiert. Der Humor hat das Grauen leichter verdaulich gemacht. Ich konnte mich immer auch über die Geschichten amüsieren und so den Schrecken genießen. Und ich weiß auch das die Hardcore-Horror-Fans die komödiantischen Momente in meinen Filmen schätzen. In SURVIVAL gibt es auch ein paar Momente, die an die überzeichnete Gewaltdarstellung der Looney-Tunes-Trickfilme erinnern.
Ich hoffe die Leute finden das lustig.
Buttgereit:
Zack Snyder hat 2004 ein Big-Budget-Remake von DAWN OF THE DEAD gemacht. Schon Ende der Siebziger Jahre gab es jede Menge italienische Pizza-Zombie-Filme wie VOODOO – SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, die sich eindeutig an ihren Filmen orientiert haben. Ärgern sie sich über diese Filme?
Romero:
Eigentlich ist mir das egal. Meine Filme gehören ja immer noch mir. Steven King wird auch immer gefragt, ob er sauer darüber ist, dass Hollywood seine Romane verhunzt hat. Aber den Büchern können die Filme nichts anhaben. Die sind doch nach wie vor in jedem Bücherregal verfügbar. Wenn jemand ein Remake meines Films macht werde ich nicht sauer. Was aber nicht bedeutet, das ich den Grund dafür nachvollziehen kann. Mein Film THE CRAZIES ist jetzt neu verfilmt worden. Studiobosse hantieren wohl lieber mit bekannten Filmstoffen herum als das Risiko einzugehen etwas Neues zu probieren.
Buttgereit:
Sie mochten das Remake also nicht? Sind sie nicht sogar als einer der Produzenten im Vorspann erwähnt?
Romero:
Na ja, der Regisseur Breck Eisner hat schon einen guten Job gemacht. Ich hätte den Film ja nicht machen wollen. Ich glaube den Produzenten schwebte ein Remake im Stil von 28 DAYS LATER vor. Ich wäre das ganz anders angegangen. Und es stimmt. Ich bin als ausführender Produzent von THE CRAZIES aufgeführt. Das bedeutet aber lediglich, das sie meinen Segen hatten und mich dafür bezahlt haben meinen Namen benutzen zu dürfen. Das Drehbuch las sich noch ganz gut. Mir ist aber dennoch schleierhaft warum sie den Film überhaupt machen wollten.
Buttgereit:
Haben sie manchmal das Gefühl, dass ihre Fans und vor allem die Kritiker mehr in ihre Filme hinein interpretieren als sie ursprünglich im Sinn hatten?
Romero:
Oft habe ich eher das Gefühl, das einiges von dem, was ich sagen wollte, verloren geht. Für mich sind die Botschaften meiner Filme recht offensichtlich und ich wundere mich wenn die nicht verstanden werden. Ich spiele gern mit verschiedenen Stilen und Ideen herum. Viele Fans sind unzufrieden wenn ihre Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Das Publikum scheint immer nur das Selbe sehen zu wollen. Vielleicht ist das das Resultat vom episodenhaften Fernsehen. Die Leute möchten jede Woche zur gleichen Zeit die selbe Show sehen. Es frustriert mich, dass sie nicht zu schätzen wissen, wenn man versucht etwas anders zu machen.
Buttgereit:
Genre-Festivals überall auf der Welt veranstalten derzeit so genannte „Zombie Walks“ zu ihren Ehren. Als ich im letzten Jahr das Grossmann-Horror-Filmfest in Slowenien besuchte, haben sie den dortigen „Zombie-Walk“ per Telefon eröffnet. Daraufhin sind etwa 200 slowenische Zombies durch die Kleinstadt Ljutomer gewankt und haben Passanten erschreckt. Was hat da zu bedeuten?
Romero:
Nun, sie waren ja da. Vielleicht können sie mir das erklären. Ich weiß nicht was das soll, aber es ist faszinierend. In Toronto ist auch jedes Jahr so ein Zombie-Walk bei dem ich mich sehen lasse. Ich habe auch schon eine Eröffnungsrede für Japan aufgezeichnet. Ich glaube nicht das dem eine tiefere Bedeutung innewohnt. Horror-Fans lieben es einfach wie Zombies zurecht gemacht zu werden. Das ist ein bisschen so wie Halloween. Solange sie nicht militant werden und ihren Spaß dabei haben, muss man sich keine Sorgen machen.
Jörg Buttgereit für TIP-Berlin






