FRANKENSTEIN IN HIROSHIMA
"Mein Herz", sagte das Monster, "es war geschaffen, Anteil zu nehmen, Liebe zu empfinden." Doch sein Schöpfer, an dessen Totenbett es diese Worte sprach, hatte ihm einen Körper verliehen, den kein Mensch lieben konnte. Verabscheut und gefürchtet von den Menschen, ließ es sein Herz kalt werden und seine Hände Rache nehmen an der Familie des Mannes, der es in sein Dasein geworfen hatte. "Der gefallene Engel, er ward zum boshaften Teufel", so sprach das Geschöpf, stand von der Totenwache auf, sprang aus dem Kajütenfenster auf eine Eisscholle und verschwand, von den Wellen fortgetrieben, in Finsternis und Ferne. So weit das Zeugnis der Literatur.
Im Kino sind Viktor Frankenstein und sein Monster vielfach zu ein und derselben Figur verschmolzen. "Frankenstein war ein Wesen, das man künstlich aus Leichenteilen erschaffen hat und dessen Herz damals durch Stromimpulse in Gang gesetzt wurde", behauptet in dieser Tradition der japanische Mediziner in Jörg Buttgereits Hörspiel, "seitdem hat es nie aufgehört zu schlagen". Nun schwimmt und pumpt das sagenhafte Herz vor ihm in einer Nährlösung. Wir schreiben das Jahr 1945. Der Professor in Hiroshima will erforschen, "ob man menschliche Körperteile nachbilden und wachsen lassen kann". Das Organ, das er - nebst Grußadresse aus dem Führerbunker - aus Deutschland erhalten hat, soll ihm dabei helfen. Doch dann fällt die Atombombe, und aus dem unsterblichen Herzen wächst ein Ungetüm heran, das zwanzig Jahre später die Stadt in Angst und Schrecken versetzen, zu guter Letzt aber ihre Bewohner gegen eine schuppige Riesenechse und einen Angriff aus dem All verteidigen wird.
Kurz: eine haarsträubende Geschichte nimmt ihren Lauf, und durch einen ins Stück integrierten Kritiker verkündet der Autor vorab, daß sie haarsträubend werde und zugleich der besten Tradition des "utopischen B-Films" folge. Beides geschieht.
Jörg Buttgereit, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, plündert die Science-fiction-Kino-Hits der dreißiger, fünfziger und sechziger Jahre und nimmt vom Neuen das Beste. "Ein entsetzlicher Anblick offenbart sich uns", als das brennende Raumschiff aufklappt, und wie im "Krieg der Welten" von Welles nach Wells ringt ein Radiosprecher nach Worten: "Ein, ja krakenähnliches Ding, Geschöpf gleitet aus der Luke." Ein "zwanzig Meter großer mutierter Junge", er könnte Katsushiro Otomos "Akira" entstiegen sein, kämpft gegen Urweltechsen und fliegende Untertassen. "Häuser stürzen ein wie Pappkulissen, Strommasten knicken um wie Streichhölzer."
Buttgereit findet für derlei Katastrophen im Modellbauformat auch ein sprachliches Pendant: die schiefe Metapher. "Die gesamte Wissenschaft vermag nicht, ihr Leben zu retten", sagt Dr. James Adams, der Strahlenmediziner, über eine Patientin. "Und wir müssen mit verbundenen Händen zusehen, wie sie unter entsetzlichen Qualen dahinvegetiert."
Wacklige Kulissen, dilettantische Tricks und verunglückte Dialoge - der Charme vieler B-Filme besteht gerade in diesen Schwächen und in dem Einfallsreichtum und den ungewöhnlichen, spekulativen Geschichten, die sie ihnen entgegensetzen. Zugleich eignet sich die Hommage an den B-Film, gerade wegen seiner holzschnittartigen Züge, für satirische Attacken auf das Mainstream-Kino.
Jack Nicholson hat als amerikanischer Präsident in Tim Burtons "Mars Attacks" grandios den Patriotismus überzeichnet, der so viele Hollywood-Filme durchtrieft. Mit Nicholsons Synchronsprecher Joachim Kerzel in der Erzählerrolle und Arnold Schwarzeneggers "deutscher Stimme" Thomas Danneberg als Dr. Adams hat Buttgereit zwei herausragende Repräsentanten von Hollywoods Pathos besetzt. Ihre Selbstparodie ist ein gelungener Coup. Sie spendet dem Hörer auch am Ende noch einmal Trost, wenn das Stück sich dem Urteil seines eingebauten Kritikers angenähert hat: "einer reinen Nummernrevue".
Frank Kaspar
(Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.02.2002) Hörprobe
Stabangaben:
Sprecher:
Erzähler: Joachim Kerzel
Dr. James Adams: Thomas Dannenberg
Frau Dr. Takako Mizuno: Akkio Fujino-Yoshida
Dr. Pretorius: Peter Groeger
Fritz: Philippe Brühl
Soldat 1 / Fotoreporter: Eckehard Hoffmann
Soldat 2 / Alter Mann: Peter Schlesinger
Wolfenbach / Leutnant: Udo Schenk
Kamashita: Jennipher Antoni
Reporter: Viktor Neumann
Nachrichtensprecher / Außerirdischer: Rüdiger Dambroth
Dr. Shimura: Chiaki Ikuta
Regie: Jörg Buttgereit
Regieassistenz: Phillipe Brühl
Autor: Jörg Buttgereit
Technische Realisation: Jonas Bergler
Redaktion: Isabel Platthaus - Produktion : WDR 2002
CD: ANOLIS - Beigabe zu der DVD Box zu: „Frankenstein – Der Schrecken mit dem Affengesicht“

