VIDEO NASTY

"New York im Sommer, das ist die Hölle", glaubt Andrea Spinell zu  wissen. Weil es dann furchtbar heiß und stickig ist in der Stadt. Aber da  weiß sie noch nichts über die Molukken. Das heißt, theoretisch  weiß sie sogar sehr viel über diese Inseln - die  Völkerkundlerin kennt zum Beispiel einige religiöse Rituale der  Einwohner. Aber sie weiß nicht, dass es auf den Molukken auch  kannibalische Zombies gibt. Das mit der Hölle und New York wird sie also  noch einmal überdenken, wenn sie auf den Molukken in die Hände just  dieser Zombies fällt. So weit die durchaus spannende Geschichte des Hörspiels Video Nasty von  Jörg Buttgereit, das im Gewand eines Thrillers die Zuhörer mit den  Ängsten konfrontiert, die von den zukünftigen Möglichkeiten der  Medizin ausgelöst werden. Diese Geschichte hat indes einen Rahmen: Tom und  Heike sehen sie sich auf Video an - Andrea Spinell und die Molukken-Zombies  sind Figuren eines Splatter-Movies.

VIDEO NASTY versucht sich also an einem frechen Experiment: Jörg Buttgereit  probiert aus, ob so etwas wie ein Splatter-Hörspiel funktionieren kann. In  den Filmen entsteht die Horrorwirkung über eine unmittelbare, also sehr  drastische, blutrünstige Darstellung. Über die Tonspur des  Hörspiels ließe sich womöglich einiges auffangen, doch  Buttgereit hält sich zurück. Er hat statt dessen Tom und Heike  erfunden. Und lässt Tom schwärmerisch beschreiben, was er sieht und  vor was sich Heike die Augen zuhält. Kurz und gut: Dem Splatter-Hörspiel, diesem Widerspruch in sich, ist gewiss  keine große Zukunft beschieden. Überflüssig wird Video Nasty dadurch nicht. Denn einmal musste es ja jemand ausprobieren. Und es gibt ja  immer noch die Thriller-Handlung. Sowie einen zweiten Rahmen, der an das BLAIR WITCH PROJECT erinnnert.

Stefan Fischer (Süddeutsche Zeitung 14.04.2005)

Als gegen Ende der 1970er Jahre die Kosten für Videogeräte deutlich sinken, zieht dies die Konstituierung eines breiten Home-Video-Marktes nach sich. Während die Systeme Betamax und Video 2000 nicht sich durchsetzen können, evolviert der Video-Home-System-Rekorder (VHS-Rekorder) zum Standard in privaten Haushalten und ermöglicht erstmals eine individuelle Videonutzung abseits des professionellen Studiobetriebs. Mit Beginn der 1980er Jahre etabliert schließlich der gewerbliche Verleih und Verkauf bespielter Videokassetten sich und bringt das Programm der Bahnhofskino weltweit in die Wohnzimmer. Vor allem harte Porno- sowie exploitative Action- und Horrorfilme finden ein großes Publikum, was rasch zu einer Diskussion über die Gefahr des neuen Mediums führt. In Deutschland lässt die Bundesprüfstelle für jugendgefährende Schriften (BPjS) auf Initiative sich ereifernder Jugendämter zahlreiche Videokassetten als bedenklich indizieren und mit einem Werbeverbot belegen. Zudem erfolgt über den Weg von Amts- wie Landesgerichten ein rechtliches Verbot und damit die bundesweite Beschlagnahme angeblich besonders gefährlicher Videos.

In Großbritannien obliegt die Zensurierung solcher Titel bis 1984 dem sog. „Obscene Publications Act“. Dieses Gesetz verpflichtet Gerichte, Videokassetten auf ihre vermeintlich verderbende („deprave and corrupt“) Wirkung zu untersuchen. Die Staatsanwaltschaft stellt demzufolge eine Liste der Videos zusammen, denen man eine besondere Gefahr attestiert. Im Volksmund bezeichnet man Titel auf dieser Liste schnell als „Video Nasties“. Dazu gehören unter anderem auch solch avancierte Artefakte wie Paul Morrisseys FLESH FOR FRANKENSTEIN (USA 1973), Abel Ferraras THE DRILLER KILLER (USA 1979), Dario Argentos INFERNO (Italien 1980), Lucio Fulcis L’ALDILA (Italien 1981) oder gar Andrzej Zulawskis POSSESSION (Frankreich/Deutschland 1981). Ein Film, der ironischerweise nie auf der Liste in Erscheinung tritt, ist Marino Girolamis drastischer Splatterfilm ZOMBIE HOLOCAUST (Italien 1980).

Der Berliner Underground-Künstler Jörg Buttgereit weiß zweifellos um diese Kuriosität der Geschichte und re-inszeniert Girolamis Trash-Klassiker, der zur Hochphase der Splatter-Ästhetik mit Kannibalen- und Zombiemotiven die damals wichtigsten Exploitation-Topoi synthetisieret, unter dem Titel VIDEO NASTY als Hörspiel im Medientransfer. Wie der Kinofilm lässt VIDEO NASTY einen mysteriösen Unbekannten die Herzen Toter aus einem New Yorker Leichenschauhaus entwenden. Der hartgekochte Polizeidetektiv Jack Romero (Manfred Lehmann) und die Medizinerin/Anthropologin/Ethnologin Dr. Andrea Spinell (Daniela Hoffmann) werden von Buttgereit auf die scheinbar rituellen Verstümmelungen angesetzt. Ihre Ermittlungen führen zu einem kannibalistischen Eingeborenenstamm auf einer tropischen Pazifikinsel, wo der wahnsinnige Dr. Herbert Fulci (Oliver Korittke) danach strebt, aus den Ureinwohnern eine Armee von willenlosen Zombies zu erschaffen.

Im Gegensatz zu dem im wahrsten Sinne des Wortes verbissenen ZOMBIE HOLOCAUST nimmt Jörg Buttgereit in VIDEO NASTY allen garstigen Sound-Effekten zum Trotz durchgehend eine ironische Distanz zum Geschehen ein. Die Binnenstruktur der Diegese wird durch eine autoreflexive Rahmenhandlung, die den Rezeptionsakt des Splatter-Videos stets selbst thematisiert, immer wieder humoresk fragmentiert. Analog zu Jean-Luc Godard, der in MADE IN U.S.A. (Frankreich 1966) seine Figuren Aldrich, Siegel oder Mizoguchi nennt, erweist auch Buttgereit jenen Filmemachern seine Ehrerbietung, die ihn in seiner Adoleszenz besonders geprägt haben. Wie er schon FRANKENSTEIN IN HIROSHIMA (Deutschland 2002) als artifizielle Hörspiel-Hommage an Ishirô Hondas Monsterfilm FURANKENSHUTAIN TAI BARAGON (Japan 1965) angelegt hat, so referiert Buttgereit neben ZOMBIE HOLOCAUST etliche weitere klassische Exploitation-Filme, von italienischem Bahnhofskino wie Sergio Martinos LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE (Italien 1978) bis hin zum postmodernen Fun-Splatter eines RE-ANIMATOR (USA 1985) von Stuart Gordon. Selbst Riz Ortolanis bittersüßes Hauptthema aus Ruggero Deodatos brillanter Baudrillard-Exegese CANNIBAL HOLOCAUST (Italien 1980) erklingt unversehen.

„Der Rundfunkkünstler hat in der Beschränkung auf das Hörbare seine Meisterschaft zu entfalten", fasst der Kunsttheoretiker Rudolf Arnheim im Jahr 1979 zusammen. Jörg Buttgereit gelingt es unter zwangsläufigem Verzicht auf die Optik seiner kinematographischen Vorbilder aus akustischem Material eine in sich selbst lebensfähige Welt zu kreieren.

VIDEO NASTY codiert tradierte Trash-Referenzen kollektiv in ein intertextuelles Pulp-Universum und transzendiert damit eine rein archivarische Funktion, die freilich ebenfalls mitgeleistet wird. Im hermeneutischen Schwebezustand zwischen poststrukturalistischer Ironisierung und ernsthafter Deklamation leistet das Hörspiel über knapp fünfundvierzig Minuten nostalgische Erinnerungsarbeit. Dabei nehmen Buttgereits Dramaturgie, Dialoge und Darsteller meist deutlich elaborierter sich aus als in dem filmischen Ausgangsmaterial vorhanden. Dennoch ist die tiefe Liebe zu diesem für den Hörer in jeder Sekunde spürbar und sorgt über knapp fünfundvierzig Minuten für eine augenzwinkernde Geschichtslektion. Und wer hätte einst gedacht, dass Romero, Fulci und Spinell je im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ihre Nische finden würden?

Ivo Ritzer

Kritik zur VIDEO NASTY LIVE-AUFFÜHRUNG hier.

Stabangaben:

Buch und Regie: Jörg Buttgereit

Sprecher:
Manfred Lehmann
Daniela Hoffmann
Oliver Korittke
u. a.

Technische Realisation: Jonas Bergler
Dramaturgie und Redaktion: Isabell Platthaus
Produktion: WDR 2005, 42 Minuten
Erstaufführung: 14. April 2005